Die Geschichte des Hauses



Erst relativ spät entschied sich Max Liebermann, neben seiner Wohnung am Pariser Platz einen Sommersitz im damals vornehmsten Villenviertel Berlins zuzulegen. 1909 erwarb er in der Berliner Villenkolonie Alsen eines der letzten freien Wassergrundstücke, ein lang gestrecktes, ca. 7260 Quadratmeter umfassendes Grundstück an der Seestr. 42, heute Colomierstr. 3. Seine unmittelbaren Nachbarn waren der Verleger Carl Langenscheidt und der AEG-Direktor Johann Hamspohn. Gegenüber befand sich das Haus des Verlagsgründers Ferdinand Springer und nicht weit entfernt wohnte der Arzt Ferdinand Sauerbruch.

Mit dem Bau des Hauses wurde der Messel-Schüler Paul Otto Baumgarten (1873-1946) beauftragt, der bereits 1906 das benachbarte Haus Hamspohn gebaut hatte, und sich vor allem einen Namen im Villen- und Landhausbau gemacht hatte.

 


 

Bis zum Einzug der Familie Liebermann in das Haus am 26. Juli 1910 wurden viele Pläne vom Architekten angefertigt und von Max Liebermann überarbeitet. Der Künstler hatte genaue Vorstellungen davon, wie sein Haus aussehen sollte. Er entschied, auf seinem Grundstück die Idee eines Reformgartens zu verwirklichen, wobei Haus und Garten als Einheit aufgefasst wurden. Als Standort des Hauses wurde die Mitte des Grundstücks festgelegt. Laut einer viele Jahre später kolportierten Anekdote forderte Max Liebermann, durch das Haus hindurch auf den dahinter liegenden Teil des Gartens sehen zu können.

Zu den besonderen Gestaltungsmerkmalen der zweigeschossigen Villa zählt der Dialog von Putzflächen und hellen Sandstein- und Muschelkalkelementen. Die schlichte Fassade, ohne gesteigerten repräsentativen Anspruch, unterstreicht ebenso wie Grundriss und Raumnutzung den privaten Charakter des Sommerhauses.

Der Haupteingang wurde an der Colomierstraße angeordnet und durch eine auf zwei ionischen Säulen ruhende Pergola betont. Die Westfassade mit der großen zweigeschossigen Loggia wird von zwei monumentalen Säulen mit ionischen Kapitellen dominiert, zwischen denen eine kleine Freitreppe in das Haus führt. Mit Hilfe der Architektur wird hier auf ganz besondere Weise eine Korrespondenz zwischen dem Innenraum des Hauses und dem Außenraum des Gartens verdeutlicht.

Ähnliches geschieht an der Ostfassade, die durch einen zentralen zweigeschossigen, durch Pilaster und Fenstertüren betonten Mittelrisaliten mit dreieckigem Giebel und Oculus strukturiert wird. Auf dieser Seite kann man von allen Räumen des Erdgeschosses auf die breite Terrasse gelangen. Hier befindet sich auch die Loggia, die, mit ihrer großen, von zwei dorischen Säulen flankierten Öffnung zum Garten hin mit diesem in einen Dialog tritt.

Die von der ganzen Familie genutzten Räume im Erdgeschoss des Hauses waren unmittelbar auf den Garten ausgerichtet. Vom Esszimmer und der davor liegenden Blumenterrasse konnten die Liebermanns den Blick über die große Wiese, Heckengärten und Birkenallee schweifen lassen, während sie von der Wohnhalle auf Gärtnerhäuschen und Staudengarten blickten. In der ersten Etage befanden sich die privaten Räume sowie das große Atelier des Malers.

Als die Familie das Haus bezog, war der Künstler 63 Jahre alt. Alfred Lichtwark notierte nach seinem Antrittsbesuch die Worte Max Liebermanns: „Sehen Sie, diese zehn Finger haben alles in zwei Jahren ermalt, Grundstück, Haus, Gartenanlage und Einrichtung. Wenn mir jemand vor 10 Jahren gesagt hätte, dass es noch einmal so kommen würde, hätte ich gelacht.“

Bis kurz vor seinem Tod 1935 nutzte der Maler die Villa als Sommerhaus. Während der entbehrungsreichen Jahre des Ersten Weltkriegs wurde die große seeseitige Rasenfläche zum Gemüsegarten. Auch das eine Situation, die Liebermann zu farbenprächtigen Werken anregte.

1917 wurde die Enkeltochter Maria geboren, die häufig bei Max und Martha Liebermann am Wannsee zu Besuch war und den Maler zu vielen, mit großer Zärtlichkeit ausgeführten Bildern inspirierte. Bis zu seinem Tod war ihm der Garten eine schier unerschöpfliche Quelle.

1940 wurde die Liebermann-Witwe von den Nationalsozialisten gezwungen, das Haus an die Deutsche Reichspost zu verkaufen, die dort ein „Lager für die weibliche Gefolgschaft“ einrichtete. Die Kaufsumme in Höhe von 160.000 Mark erhielt Martha Liebermann allerdings nicht.

Gegen Ende des Krieges diente die Liebermann-Villa, wie auch andere Häuser am Wannsee, als Lazarett. Nach 1945 wurde das Haus gemeinsam mit der benachbarten Villa Hamspohn zur Chirurgischen Abteilung des Städtischen Krankenhauses Wannsee. Das ehemalige Atelier Max Liebermanns fungierte als Operationssaal.

Im Rahmen eines "Wiedergutmachungsverfahrens" erhielt die in den USA lebende Tochter Max Liebermanns, Käthe Riezler, die Villa und das Grundstück 1951 zurück. Sie schloss mit dem Krankenhaus einen Mietvertrag, der auch nach ihrem Tod im Juli 1952 weiter bestand. Ihre Tochter Maria White, die als Kind auf vielen Bildern Max Liebermanns zu sehen ist, verkaufte das Haus 1958 an das Land Berlin, das es dem Bezirk Zehlendorf zur Nutzung überließ. 1970 zog das Krankenhaus in die neu errichteten Gebäude in Heckeshorn um und die Villa stand für fast zwei Jahre leer. Im Herbst 1971 verpachtete das Bezirksamt Zehlendorf, entsprechend eines 1962 erlassenen Bebauungsplans, wonach nahezu alle an der Straße am Großen Wannsee gelegenen Seegrundstücke für den Wassersport nutzbar gemacht werden sollten, die Liebermann-Villa für die nächsten 30 Jahre zu einem geringen Pachtzins an den Deutschen Unterwasser-Club (DUC). Dieser richtete dort ein Vereinsheim mit einer Aus- und Fortbildungsstätte für Taucher ein, was bauliche Veränderungen im Inneren des Hauses zur Folge hatte. Versuche von Mitgliedern der Berliner Akademie der Künste (West), die Villa als Museum und Gedenkstätte zu Ehren Liebermanns zu nutzen, scheiterten an der Uneinigkeit ihrer eigenen Mitglieder wie auch an der Gleichgültigkeit des Berliner Senats.

Nachdem bereits 1987 der nur mehr fragmentarisch erhaltene Garten in die Denkmalliste eingetragen worden war, erreichte die 1995 gegründete Max-Liebermann-Gesellschaft in ihrem Gründungsjahr, dass auch das Haus unter Denkmalschutz gestellt wurde. Im gleichen Jahr wurde jedoch der Pachtvertrag des DUCs unter großem Protest der Öffentlichkeit vorzeitig um weitere zwanzig Jahre verlängert. Es wurde aber eine Klausel aufgenommen, wonach der Tauchclub das Gelände zu räumen habe, sollte ihm ein angemessenes Ersatzgrundstück angeboten werden. 1997 erwirkte die Max-Liebermann-Gesellschaft, im Zusammenhang mit den bundesweiten Gedenkveranstaltungen zum 150. Geburtstag Max Liebermanns einen Senatsbeschluss, der die museale Nutzung des Hauses vorsah, vorausgesetzt, die öffentliche Hand würde dadurch nicht belastet.

Es sollten noch fünf Jahre vergehen bis 2002 für den DUC ein Ersatzgrundstück auf der gegenüberliegenden Seite des Wannsees gefunden worden war und die Max-Liebermann-Gesellschaft damit beginnen konnte Haus und Garten in eine Liebermann-Gedenkstätte und ein Museum zu verwandeln.

Ende April 2006 waren die Restaurierungs- und Umbaumaßnahmen abgeschlossen und Haus und Garten konnten als Liebermann-Museum dem Publikum dauerhaft zugänglich gemacht werden.

 

Lit: Faass, Martin (Hrsg.): Die Idee vom Haus im Grünen. Max Liebermann am Wannsee, Berlin 2010.